Das Abenteuer des mutigen Thymian

Es war einmal eine kleine Kräuterpflanze namens Thymian, die in einem sonnigen Garten wuchs. Thymian war nicht besonders gross oder auffällig, aber er hatte ein grosses Herz und war bekannt für seinen Mut. Eines kalten Winters, als die Kälte das ganze Land erobert hatte, hörte Thymian, wie die anderen Pflanzen miteinander flüsterten.

«Die Kälte hat die Sonne entführt!» raunte der Salbei.
«Ohne sie werden wir alle erfrieren!» jammerte die Rose.
«Jemand muss etwas tun!» sagte der Rosmarin, doch niemand traute sich, aufzustehen.

Da sprach Thymian: «Ich werde die Sonne retten!»

Die anderen Pflanzen schauten ihn erstaunt an.

«Du? Du bist so klein! Was willst du denn gegen die eisige Kälte ausrichten?» fragte der Lavendel skeptisch.

«Grösse spielt keine Rolle, wenn das Herz stark ist!» entgegnete Thymian entschlossen.

Thymian packte seine winzigen Wurzeln fest in die Erde und machte sich auf den Weg zur gefrorenen Höhle der Eisfee, die die Sonne gefangen hielt. Unterwegs begegnete er einem schelmischen Wind, der ihn neckte.

«Hoho, ein winziger Kräuterling auf grosser Mission! Wo willst du hin, kleiner Thymian?» fragte der Wind und pustete ihn beinahe um.

«Ich werde die Sonne befreien! Die Welt braucht sie!» rief Thymian tapfer.
«Nun, viel Glück! Aber pass auf, die Eisfee liebt keine Störenfriede!» sagte der Wind lachend und zog davon.

Als Thymian die Höhle erreichte, stand die Eisfee bereits vor ihm. Sie war gross, funkelnd wie ein Eiskristall und sah sehr streng aus.

«Wer wagt es, in mein Reich einzudringen?» fragte sie mit frostiger Stimme.
«Ich bin Thymian, und ich fordere dich heraus, die Sonne freizulassen!» sagte Thymian, ohne zu zögern.

Die Eisfee lachte laut. «Ein kleines Kraut wie du will mich herausfordern? Wie köstlich! Nun gut, ich liebe Spiele. Wenn du drei Aufgaben bestehst, lasse ich die Sonne frei. Scheiterst du, bleibst du für immer hier, eingefroren in meinem Eispalast.»

Thymian nickte tapfer. «Ich bin bereit!»

«Tanze mit mir über das glatte Eis, ohne auszurutschen!» rief die Eisfee und begann, anmutig über den gefrorenen Boden zu gleiten.

Thymian dachte nach. «Ich bin klein, aber leicht! Vielleicht ist das meine Chance!» Er sprang auf ein Blatt, das von einem Baum gefallen war, und benutzte es wie einen Schlitten. Mit Geschick und Geschwindigkeit glitt er über das Eis, machte Pirouetten und rutschte direkt vor die Füsse der überraschten Eisfee.

«Das hast du gut gemacht, kleines Kraut», sagte sie grimmig. «Aber die nächste Aufgabe wird schwieriger!»

«Bringe mir eine Blume, die in dieser Kälte blühen kann!» forderte die Eisfee. Thymian überlegte. «In der Kälte blühen? Das kann ich selbst nicht. Aber… ich habe meine Düfte!» Er konzentrierte sich und verströmte seinen warmen, würzigen Duft, der die kalte Luft erfüllte. Der Duft war so stark und angenehm, dass kleine Schneekristalle zu tanzen begannen und eine wunderschöne, funkelnde Eisblume formten.

«Eine Blume aus Duft? So etwas habe ich noch nie gesehen!» rief die Eisfee beeindruckt. «Aber es gibt noch eine letzte Aufgabe!»

«Erwärme mein Herz, wenn du kannst!» sagte die Eisfee und lächelte kalt.

Thymian wusste, dass dies die schwierigste Aufgabe war. Er schloss die Augen, erinnerte sich an die Wärme der Sonne und rief all seine Kraft zusammen. Mit einem kräftigen «Puff!»“ verströmte er ein warmes, beruhigendes Aroma, das die Eisfee umhüllte.

«Was ist das? Es fühlt sich… angenehm an!» murmelte die Eisfee, und ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Ihr eisiges Herz begann zu schmelzen.

«Du hast es geschafft, kleiner Thymian», sagte sie schliesslich. «Du hast nicht nur mein Herz erwärmt, sondern auch gezeigt, dass selbst die Kleinsten Grosses vollbringen können. Ich halte mein Wort – die Sonne soll frei sein!»

Die Eisfee liess die Sonne aus ihrem Eispalast emporsteigen, und ihre Strahlen wärmten das Land. Die anderen Pflanzen jubelten, als Thymian zurückkehrte.

«Thymian, du bist unser Held!» rief der Rosmarin.
«Ich wusste, dass du es schaffen kannst!» sagte die Rose stolz.

Thymian lächelte bescheiden. «Manchmal braucht es nur ein bisschen Mut, um die Welt zu verändern.»

Von diesem Tag an wurde Thymian nicht mehr nur als kleines Kraut betrachtet, sondern als Held, der den Winter besiegte und die Wärme zurückbrachte.

 

Hanspeter Gautschin

Hanspeter Gautschin

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